Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e.V.

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AK Wohnungslosigkeit

Neue Broschüre veröffentlicht: Wer pflegt Herrn K.? - Pflege ohne Obdach

Die Anzahl der wohnungslosen Menschen steigt. Und damit auch
die Anzahl derer, die krank und pflegebedürftig sind. Wohnungslose Männer und Frauen leiden bereits in jungen Jahren häufig an mehreren Erkrankungen gleichzeitig, die durch geeignete Pflegeleistungen gelindert oder geheilt werden könnten. Sie sind meist jünger oder mobiler, manchmal auch suchtmittelabhängig oder psychisch krank – und scheinen weder in das System der Pflegestufen noch in die Abläufe eines Pflegedienstes oder Pflegeheimes zu passen.
Noch aber sind Pflegesystem und Wohnungslosenhilfe zu wenig miteinander verzahnt. Die Broschüre „Wer pflegt Herrn K.?“, herausgegeben von der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg, will Fachkräfte aus Gesundheitswesen, Pflege und Wohnungslosenhilfe für das Thema sensibilisieren. Gute Praxisbeispiele geben Anregungen für integrierende Konzepte.

 

Sterben ohne Obdach- Brauchen obdachlose Menschen Sterbebegleitung?

Nach der Veranstaltung war eine Besichtigung der Krankenstube möglich

Arbeitskreis Wohnungslosigkeit und Gesundheit der HAG lädt zu Diskussionsrunde im Rahmen der Hamburger Hospizwoche ein
Brauchen wohnungslose Menschen Sterbebegleitung? Das Interesse sich im Rahmen der Hamburger Hospizwoche mit dem Thema Sterben ohne Obdach auseinanderzusetzen war groß: Über 40 Personen aus dem Bereich des freiwilligen Engagements, der medizinisch-pflegerischen Versorgung und der Wohnungslosenhilfe besuchten am 13. Oktober 2015 die Veranstaltung des Arbeitskreises „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ der Koordinierungsstelle „Gesundheitliche Chancengleichheit“ Hamburg im Gesundheitszentrum St. Pauli.
„Für die Wohnungslosen kommt der Tod fast immer zu früh“, so das Zitat einer Mitarbeiterin der Wohnungslosenhilfe –entnommen der Broschüre „Sterbende Menschen begleiten“. „Meist sind sie zu jung, hatten vielleicht kein erfülltes Leben aus dem sie sich gut verabschieden können. Alles was Sterbende und ihre Angehörigen trösten kann – das Abschiednehmen, die Erinnerung an das gemeinsame Leben und die Spuren, die der Sterbende hinterlässt wird wohnungslosen Menschen nicht zuteil“ Im Gegenteil: Wohnungslose Sterben häufig allein, ohne Trost und letztes Gespräch, in funktionalen Räumen, auf der Straße oder im Krankenhaus“. Diese Aussage macht deutlich: In den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ist es nicht immer leicht, eine Situation zu schaffen, in der Bewohnerinnen und Bewohner so, wie sie es sich wünschen und würdevoll sterben können. Bisher gibt es nur vereinzelt Zusammenarbeit mit ambulanter Sterbebegleitung. Seit einigen Jahren arbeiten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Institutionen der Hamburger Hilfelandschaft zusammen - unter dem Dach der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit in der HAG und an der Schnittstelle zwischen Wohnungslosenhilfe und Gesundheitsversorgung. Gemeinsam wollen die Akteure die sektorenübergreifende Zusammenarbeit der Wohnungslosenhilfe, der medizinisch-pflegerischen Versorgung und der Hospiz- und Palliativarbeit fördern, um die Situation kranker und sterbender Menschen ohne Obdach zu verbessern. Dafür wurde die Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg in diesem Jahr mit dem 1. Preis der Bundes-Hospizstiftung ausgezeichnet.
Die Mitglieder des Arbeitskreises wollten sich daher an der diesjährigen Hamburger Hospizwoche beteiligen und die Begegnung zwischen Mitarbeitenden und freiwillig Tätigen der Wohnungslosenhilfe und dem Hospizbereich fördern und sie zu mehr Austausch und Kooperation zu ermutigen. Weitere Ziele der Veranstaltung: Sensibilisierung für die Lebenssituation von wohnungslosen Menschen, Erläuterung der jeweiligen Hilfestrukturen und Aufzeigen von Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit.
Leben und Sterben auf der Straße
Bevor sich über das Sterben und die Trauer von wohnungslosen Menschen ausgetauscht werden sollte, stand das Leben ohne Obdach im Mittelpunkt: Wie leben wohnungslose Männer und Frauen in Hamburg? Wie viele leben in Wohnunterkünften, Notübernachtungen oder auf der Straße? Welche niedrigschwelligen Gesundheitsangebote stellt die Wohnungslosenhilfe für sie bereit?
Ina Ratzlaff, fördern und wohnen, gab einen Überblick über das System und die Angebote der Wohnungslosenhilfe und stellte klar: eine genaue Anzahl der wohnungslosen und obdachlosen Menschen in Hamburg gibt es nicht. In Hamburg sind derzeit ca 6000- 7000 Menschen öffentlich untergebracht, ca 2000 leben auf der Straße - die Dunkelziffer ist sehr hoch. Der Großteil der wohnungslosen Menschen in Hamburg ist nach dem SOG (Sicherheits- und Ordnungsgesetz) untergebracht. Der Auftrag innerhalb des SO liegt in der Bereitstellung einer Unterkunft, darunter fallen Notübernachtungen, betreute Wohneinrichtungen oder auch Schlafplätze im Rahmen des Winternotprogramms. Die Notübernachtung wird in Hamburg über das „Pik As“ (alleinstehende, wohnungslose Männer, Frauen und Paare mit einem Haustier) und über das „Frauenzimmer“ (allein stehende Frauen und Frauen mit einem Kind) angeboten. Die Notübernachtung ist zeitlich begrenzt auf sieben Tage mit einer Option auf Verlängerung. Somit ist es durchaus möglich auf Menschen zu treffen, die bereits Jahre oder Jahrzehnte in der öffentlichen Unterbringung leben.
Innerhalb der Wohnungslosenhilfe in Hamburg liegt der Schwerpunkt auf den niedrigschwelligen Hilfen. In diesen Angeboten steht hauptsächlich die Versorgung hinsichtlich der Ernährung, Kleidung, Körperhygiene, der medizinischen Hilfe, der menschlichen Wärme und weiterer Bedarfe im Vordergrund. Dazu zählen Tagestreffpunkte (Aufenthaltsstätten mit Verpflegung, Waschgelegenheiten, sozialer Beratung, Möglichkeiten zur Einrichtung von Postadressen (teilweise) ärztlichen Sprechstunden etc.), Bahnhofsmissionen (kurzfristiger Aufenthalt, Gespräche, Weitervermittlung). Mobile Hilfen und aufsuchende Arbeit, Essensausgabestellen und Kleiderkammern.
Ingrid Kieninger vom Caritasverband für Hamburg e.V. gab anschließend einen Einblick in die gesundheitliche Situation und die medizinische und pflegerische Versorgung für Wohnungs- und Obdachlose. Neben der aufsuchenden Angebote (mobile Hilfen) werden für wohnungslose Menschen niedrigschwellige Sprechstunden (z.B. Schwerpunktpraxen) angeboten. Auch wenn ein Großteil der wohnungslosen Patienten krankenversichert ist, finden sie nicht immer den Weg in die Regelversorgung bzw. werden dort ausgegrenzt. Im Gesundheitszentrum St. Pauli ist auch die Krankenstube für Obdachlose beheimatet – hier erhalten obdachlose Menschen medizinische Hilfen mit dem Ziel der gesundheitlichen Stabilisierung. Die 14 regulären und 2 Notbetten sind fast immer ausgelastet. Rund um die Uhr erhalten die Patienten Pflege und Unterstützung von professionellen Pflegekräften. Auch steht ein Sozialarbeiter beratend zur Seite und hilft bei der Beschaffung verloren gegangener Papiere, begleitet zu Terminen zur Klärung von Ansprüchen bei Behörden und Krankenkassen.
Wie können sterbende Menschen in Hamburg begleitet werden?
Uwe Enenkel, Koordinator für das Malteser Hospiz- Zentrum Bruder Gerhard in Hamburg-Volksdorf, berichtete wie Sterbebegleitung gelingen kann und welche Möglichkeiten der Unterstützung es für Betroffene und ihre An- und Zugehörige in Hamburg gibt. Zentrales Ziel der Palliativversorgung ist es, belastende Beschwerden zu lindern und den Menschen eine Verbesserung ihrer Lebensqualität am Lebensende zu ermöglichen. Die Angebote der Hospizversorgung in Hamburg erstrecken sich von Beratung, ambulanter Hospizbegleitung bis hin zur stationären Hospizarbeit für Erwachsene und Kinder in spezialisierten Einrichtungen.
Im Anschluss stellte Stefanie Janssen, Ambulanter Hospizdienst St. Pauli, die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Diese setzt da an wo die reguläre ambulante Palliativversorgung aufgrund komplexer Symptomatik, Krisenintervention und hohem Aufwand nicht mehr ausreichend ist. Insgesamt gibt es in Hamburg acht Teams der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, die rund um die Uhr erreichbar sind.
Nach den Vorträgen entbrannte eine rege Diskussion: Wie erfährt man, dass auf der Straße gestorben wird? Wie niedrigschwellig kann Palliativversorgung sein? Kann man Menschen, die auf der Straße leben, palliativ versorgen?
Es wurde deutlich, dass der Sterbeprozess der wohnungslosen Menschen sich von Menschen in gesicherten Wohnverhältnissen unterscheidet. So machte der Psychiater der Schwerpunktpraxis im Pik As deutlich, dass der Großteil der Wohnungslosen psychisch krank und suchtabhängig sind, sie in der Regel deutlich früher -häufig sehr plötzlich- versterben. Viele von ihnen an vergleichsweise einfach zu behandelnden Krankheiten – doch es fehlt häufig an einer Diagnose. Wo soll da Sterbebegleitung ansetzen? Aufgrund der besonderen Lebenssituation und -biografien ist der Wunsch der Betroffenen nach hospiz-palliativer Versorgung nicht immer gegeben. Daher sind Lösungen gefragt, die sich den Menschen, die sich in dieser Notlage befinden, annähern.
So kommt es zu der Situation, dass die Hospizakteure sich durchaus bereit erklären in der Wohnungslosenhilfe aktiv zu werden – sie jedoch nicht abgerufen werden. Auf der Suche nach Erklärungen wurde deutlich, dass der Hospizbereich die Kontaktaufnahme bzw. Zusammenarbeit mit An- und Zugehörigen benötigt – dies kann die Wohnungslosenhilfe in der SOG nicht leisten.
An fehlender Krankenversicherung wird eine Begleitung nicht scheitern, auf die Frage „Keine Krankenkassenkarte-keine Hospizversorgung“ entgegnete Enenkel, dass eine ambulante Begleitung von wohnungslosen Menschen, Beratung durch Fachkräfte und Begleitung durch ehrenamtliche HospizhelferInnen, ohne Krankenversicherung möglich ist. Dies gelte für alle ambulanten Hospizdienste in Hamburg.
Wer definiert Würde?
Wie lässt sich ein Sterben in Würde ermöglichen? Und: Was bedeutet würdevolles Sterben für wohnungslose Menschen bzw. was wissen wir über Gedanken, Gefühle und Wünsche von sterbenden wohnungslosen Menschen überhaupt? Viele Fragen, die auch am Ende des Abends noch unbeantwortet blieben.
Einigkeit bestand darin, dass die Netzwerkbildung aus Hospizarbeit, palliativer Therapie und Wohnungslosenhilfe weiter auszubauen sind. Zwar existieren zum Teil bereits Kooperationen zwischen ambulanter Sterbebegleitung und der Wohnungslosenhilfe, diese sind jedoch noch punktuell und es fehlen zum Teil verfestigte Abläufe und Strukturen, die eine angemessene Versorgung mit Sterbebegleitung ermöglichen. Und: Wichtig scheint vor diesem Hintergrund besonders der Kontakt mit den wohnungslosen Klienten zu sein. In der Gesprächsrunde bestand Einigkeit über die Wichtigkeit mit den Menschen in einen Dialog zu treten und die Art und Weise wie ein Mensch stirbt in besonderem Maße zu respektieren.
Nach offiziellem Ende der Veranstaltung lud Ingrid Kieninger in den zweiten Stock des Gesundheitszentrums St. Pauli, zu einer Besichtigung der Krankenstube für Obdachlose ein.

 

Arbeitskreis gewinnt DHP Stiftungspreis 2014

Stiftungspreis der Deutschen Hospiz- und PalliativStiftung

Deutsche Hospiz- und PalliativStiftung zeichnet Hamburger Projekt aus.
Mit dem 1. Preis der Deutschen Hospiz- und PalliativStiftung ist am 19. Februar 2015 der Arbeitskreis „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ der Koordinierungsstelle „Gesundheitliche Chancengleichheit“ in der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V. (HAG) ausgezeichnet worden.

Die Preisverleihung fand im Rahmen einer Feierstunde in der Wohnunterkunft Hinrichsenstraße statt. Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Vorsitzender der DHPStiftung und des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes sagte in seiner Laudation: „Schwerstkranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zu begleiten, vorzugsweise zuhause, ist Aufgabe der Hospizbewegung. Was aber, wenn in der letzten Lebensphase aufgrund von Wohnungslosigkeit kein Zuhause da ist und es am Nötigsten fehlt? Das Projekt 'Sterbende Menschen begleiten. Krankheit, Tod und Trauer in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe' hat ein Netzwerk geschaffen, das auch für Menschen in der Wohnungslosigkeit Zugang zu Angeboten rund um Gesundheit, Sterbebegleitung und Trauerkultur schafft. Dafür unseren Dank und unsere Anerkennung!“

Petra Hofrichter von der Hamburgischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V. und Koordinatorin des Arbeitskreises „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ sagte in ihrem Beitrag: „Seit vielen Jahren engagiert sich der Arbeitskreis für eine bessere gesundheitliche Versorgung von Wohnungslosen in Hamburg. Wir wissen, dass Wohnungslose viel früher sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Menschen ohne Obdach halten sich häufig bis kurz vor ihrem Tod auf den Beinen und haben weniger Möglichkeiten, Pflege und Hilfe anzunehmen. Oft lassen die Rahmenbedingungen die Fragen nach einem würdigen Sterben kaum zu. Bisher arbeiteten Wohnungslosenhilfe und Hospizbewegung eher nebeneinander als miteinander. Wir haben mit unserer Arbeit erreicht, dass die Akteure voneinander wissen und aufeinander zugehen, sich austauschen und kooperieren. Wir möchten sie dabei unterstützen gemeinsam an Wegen zu arbeiten die eine dem Sterbenden gerecht werdende Palliativ- und Sterbebegleitung vor Ort ermöglichen.“
Der Arbeitskreis „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ engagiert sich seit 2004 für wohnungslose Menschen in der Stadt. Er fördert die sektorenübergreifende Zusammenarbeit der Wohnungslosenhilfe, der medizinisch-pflegerischen Versorgung und – seit 2011 – der Hospiz- und Palliativarbeit, um die Situation kranker und sterbender Menschen ohne Obdach zu verbessern.

 

Sucht ohne Obdach

Am 19.11.2014 fand die diesjährige Kooperationstagung des AK Wohnungslosigkeit und Gesundheit der KGC in der Ärztekammer Hamburg statt. Rund 200 Teilnehmende aus den unterschiedlichen Versorgungsbereichen waren der Einladung der Kooperationspartnerinnen (Ärztekammer Hamburg, HAG-Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg, Hamburgische Landesstelle für Suchtfragen e.V. und Jugendhilfe e.V.) gefolgt um sich zum Thema " "Sucht ohne Obdach - Zusammenarbeit zwischen Wohnungslosenhilfe, Suchthilfe und Gesundheit stärken" zu informieren und auszutauschen.
Denn: Wohnungslose Frauen und Männer leiden unter somatischen und sozialen Problemen – ein großer Teil von ihnen ist von mindestens einem Suchtmittel abhängig. Das medizinische Versorgungssystem, die Wohnungslosen- und Suchthilfe sind nur punktuell gut vernetzt , suchtkranke Wohnungslose Menschen gelten als "schwierige" Klientel - in dem hochdifferenzierten Hilfesystem gehen sie im Hilfedreieck der Sucht- Wohnungslosen- und psychiatrischen Hilfen häufig verloren.
Die Einführungsvorträge hielten der Direktor der Rechtsmedizin im UKE Prof. Dr. Klaus Püschel und die Psychiaterin Dr. Hanna Lietz.
In einer darauffolgenden Gesprächsrunde stellten die Akteure der Suchthilfe, Wohnungslosenhilfe und der stationären Gesundheitsversorgung ihre Arbeit vor und machten auf Handlungsbedarfe und -erfolge aufmerksam.
Eine Fallbesprechung öffnete den Blick auf die alltägliche Praxis und machte die Stolpersteine und Erfolge im Alltag sehr deutlich. Ein zentraler Stolperstein ist die fehlende Kommunikation - sowohl zwischen den Betroffenen und handelnden Akteuren - als auch zwischen den Systemen.

Das Tagungsprogramm und einzelne Beiträge der Veranstaltung finden Sie hier.

 

Eindrücke von der Fachtagung

 

Wer pflegt Herrn K.? - Fachtagung

Über 150 Akteure kamen zur Tagung am 20. November ins neue Ärztehaus. Durchgeführt haben die Kooperationsveranstaltung der Arbeitskreis „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ in der HAG-Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit, die Ärztekammer Hamburg und die Hamburgische Pflegegesellschaft e. V.

„Wenn wohnungslose Menschen in eine Pflegeinrichtung kommen, dann braucht es ganz lange Zeit, bis sie Vertrauen fassen. Für die Einrichtung ist es immer wieder schwierig den stationären Pflegeplatz zu finanzieren bzw. eine Kostenzusage zu erhalten. Bei dem letzten Fall haben wir elfeinhalb Monate gewartet, bis die Frage der Krankenversicherung geklärt war. In der Zwischenzeit haben wir Arztrechnungen überbrückt. Die Frage der Pflegestufe wurde nicht geklärt, weil keine Krankenkasse da war. Das Sozialamt sagte: „Wir müssen das alles abwarten, planen und schauen“. Erst nach elfeinhalb Monaten war eine Entscheidung möglich, weil die Gefahr bestand, dass der Patient in die Obdachlosigkeit zurück musste.“
Das Fallbeispiel berichtete ein Mitarbeiter eines Hamburger Pflegeheimes im Rahmen der Veranstaltung „Wer pflegt Herrn K.?“. Es macht deutlich, mit welchen Problemen Pflegedienste kämpfen, wenn wohnungslose Menschen gepflegt werden müssen.

In Hamburg leben ca. 5.400 wohnberechtigte wohnungslose Menschen, davon ca. 1.026 obdachlos auf der Straße. Die Lebensumstände auf der Straße und in den Wohnunterkünften führen dazu, dass diese Menschen auch in jüngerem Alter sehr krank sind - körperlich wie seelisch - und dass sie früh sterben.
Wenn wohnungslose Menschen pflegerische Unterstützung benötigen, sind sie im Durchschnitt jünger und haben andere Ausgangsvoraussetzungen und Bedürfnisse als andere Bürgerinnen und Bürger. Auf den ersten Blick passen sie weder ins Schema der Pflegestufen noch scheinen sie dem Bild des Pflegeheimbewohners zu entsprechen. Das heißt, dass es derzeit schwierig ist wohnungslosen Menschen ambulante oder stationäre Pflege zu ermöglichen.
Diese Situation haben die Veranstalter zum Anlass genommen Akteure aus Medizin, Pflege, rechtlicher Betreuung und Wohnungslosenhilfe zu einem Fachaustausch einzuladen mit dem Ziel, Lösungen für ein zielgruppensensibles Angebot für wohnungslose Menschen in Hamburg zu entwickeln.

„Derjenige, der die meiste Hilfe braucht, ist derjenige, um den wir uns am meisten kümmern müssen!“ sagte Klaus Schäfer, Vizepräsident der Ärztekammer Hamburg und machte damit deutlich, warum die Ärztekammer auch dieses Jahr wieder eine Kooperationsveranstaltung mit der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg unterstützte. „Hier arbeiten seit nunmehr zehn Jahren Akteure rund um das Thema Wohnungslosigkeit und Gesundheit zusammen“ sagte Prof. Dr. Corinna Petersen-Ewert, Vorsitzende der HAG, und betonte, dass nur durch ein gemeinsames Engagement Schnittstellen überwunden werden können. Dass die Pflege von wohnungslosen Menschen verbessert werden muss – insbesondere auch unter Berücksichtigung der Inklusion, unterstrich Martin Sielaff, Geschäftsführer der HPG: „Wenn der Bedarf bekannt ist, dann muss dieser Bedarf gedeckt werden!“

Innovative Lösungen für den stationären oder ambulanten Bereich stellten Bernd Mülbrecht vom Haus der Wohnungslosenhilfe Münster und Angelika Harrer, Haus St. Benno in Oberschleißheim vor. Sind die wohnungslosen Menschen über 60 Jahre alt, haben einen Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent oder die Pflegestufe 1, dann finden sie im Münsteraner Projekt „Wohnen 60 Plus“ bedarfsgerechten Wohnraum mit ambulanten Betreuungs- und Versorgungsmöglichkeiten. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden individuell versorgt und begleitet durch hygienische, pflegerische, sozialarbeiterische und ärztliche Maßnahmen und Hilfen.
Im Haus St. Benno werden Menschen mit psychiatrischer Diagnose im Rahmen der Eingliederungshilfe und auf der Basis des § 53 SGB XII stationär gepflegt .

„Wohnungslose haben kein tragfähiges soziales Netz. Sie sind sehr krank, aber sie haben häufig weder eine Diagnose noch eine hausärztliche Versorgung, Krankenakten fehlen“, berichtete Dr. Frauke Ishorst-Witte vom Diakonischen Werk Hamburg. Benötigt der Patient grundpflegerische Hilfe, wird es schwierig: Wohnungslose haben wenig Kenntnisse über ihre Rechte und Möglichkeiten bei der Pflege; in den Wohnunterkünften erhalten sie aufgrund des Stellenschlüssels nicht ausreichend sozialpädagogische Hilfen, so werden Grundpflegeleistungen für wohnungslose Patienten häufig nicht hinreichend beantragt.
Auf die Antragstellung auf Leistungen zur Grundpflege folgt im nächsten Schritt die Einstufung in Pflegestufen nach SGB XI. Brigitte Krebelder von der AOK Rheinland/Hamburg machte klar, dass es für die Pflegekassen äußerst schwierig sei eine Pflegeeinstufung vorzunehmen – im Idealfall passiert das im Krankenhaus oder in der Wohnung. Wenn die Mitarbeiter zur Einstufung nun die Wohnunterkunft aufsuchen, kann es passieren, dass der Betroffene diese bereits, unangekündigt, verlassen hat oder auch, dass im Rahmen des Gesprächs seine psychische Erkrankung nicht offensichtlich wird.
Die fehlende oder niedrige Pflegestufe stellt ein Problem bei der Suche nach einem stationären Pflegeplatz dar. Die Heime sind wirtschaftliche Unternehmen, die sich am Markt behaupten müssen. „Wohnungslose Menschen brauchen sehr viel Zeit, um Vertrauen zu fassen, zu erfahren, das ist hier mein Zimmer, das ist mein Bad, ich habe eine Schlüssel, ich kann es abschließen und zum Essen gehen und danach ist noch alles da, was ich habe. Das kostet das Heim sehr viel Zeit und die wird nicht finanziert, weder bei Pflegestufe eins noch bei Pflegestufe null“, machte Angele Back von Heinrich-Sengelmann-Haus deutlich.
Im Jahr 2012 hat die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) in Zusammenarbeit mit anderen Behörden und Freien Trägern der Wohnungslosenhilfe das Gesamtkonzept „Wege aus der Obdachlosigkeit“ erarbeitet. Bettina Prott, Leitung der Abteilung Wohnungslosenhilfe und öffentliche Unterbringung, berichtete, dass BASFI und BGV den Ausbau von ambulanten Angeboten für wohnungslose Menschen vorantreiben wollen. Hierzu wurde zum einen das Konzept der Lebensplätze erarbeitet: ältere, schon lange in der Öffentlichen Unterbringung lebende Menschen sollen Mietverträge erhalten. Eckhard Cappell von der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, Referat Seniorenarbeit und pflegerische Versorgungsstruktur, ergänzte, dass ambulante Pflegangebote zukünftig ebenfalls stärker ausgebaut werden sollen.
„Es braucht in Hamburg den Willen von allen!“, unterstrich Dr. Frauke Ishorst-Witte. Das kann nur gelingen, wenn die Akteure über die jeweiligen Schnittstellen hinaus arbeiten und auch unkonventionelle, aber passende Lösungen suchen.
Dr. Christoph Lohfert von der Lohfert Stiftung appellierte an die Akteure, bei der Entwicklung von schnittstellenübergreifenden Projekten eine Bedarfs- und Ressourcenanalyse durchzuführen: „Wenn wir nicht genau wissen, was ist, dann können wir daraus nicht etwas entwickeln, was besser ist als das, was wir heute haben“.

Fazit des Nachmittages: Um Herrn K. gut und seinen Bedürfnissen entsprechend pflegen zu können, braucht es viel mehr ambulante als auch stationäre Angebote – in welcher Qualität und Quantität, das ist zu konkretisieren. Die Veranstalter werden dazu Hamburger Akteure zu einem Auswertungstreffen einladen.

Der Artikel wurde im Hamburger Ärzteblatt (Ausgabe 01/14) veröffentlicht.
Die Beiträge der Veranstaltung finden Sie hier.

 

Fachtagung 20.11.2013

 

Gestorben wird überall

Krankheit, Tod und Trauer in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe - Fachtagung

Am 18. April nahmen über 130 Fachkräfte und Ehrenamtliche an der Veranstaltung „Gestorben wird überall – Krankheit, Tod und Trauer in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe“ im Hamburger Bestattungsforum Ohlsdorf teil. Veranstalter der Tagung war der Arbeitskreis „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ in der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg.

Wohnungslose sterben jung und einsam
Wenn Wohnungslose versterben sind sie noch jung: ihr durchschnittliches Todesalter liegt bei 46,5 Jahren – drei Jahrzehnte früher als bei medizinisch gut versorgten Bürgerinnen und Bürgern. Rund 32% der verstorbenen Wohnungslosen werden tot in den Unterkünften gefunden, jeder vierte stirbt auf der Straße.
Mal kommt ihr Tod plötzlich, mal geht dem Sterben ein längerer Leidensprozess voran – dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe häufig hilflos gegenüberstehen, denn: nicht nur dass die Menschen die Hilfe häufig ablehnen, das gesundheitliche Versorgungssystem auf diese besondere Gruppe Menschen nicht eingestellt ist und eher ausgrenzt –auch im Stellenschlüssel der Wohnungslosenhilfe ist Sterben nicht vorgesehen.
So entstehen Situationen in denen die Sterbenden, aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein gelassen sind.
Im Jahr 2011 veröffentlichte der Arbeitskreis die Broschüre „Sterbende Menschen begleiten“. Die Resonanz war groß und machte deutlich: Eine Veröffentlichung reicht nicht aus, es braucht Begegnung und Austausch, um eine multiprofessionelle Zusammenarbeit zu unterstützen.
Diese Tatsachen bewogen den Arbeitskreis zu dieser besonderen Veranstaltung an einem besonderen Ort.

„Stimmt, Herr Meyer kommt gar nicht mehr!“ - mit ihrem Einführungsvortrag machte Dr. Frauke Ishorst-Witte klar: Bei einer großen Anzahl von Todesfällen wurden zuvor keine Diagnosen gestellt. Trotz einer zunehmenden Verschlechterung des Gesundheitszustandes findet keine adäquate Behandlung und Begleitung statt. Am Ende kommt der Tod scheinbar überraschend, für Bekannte oder MitarbeiterInnen dadurch erkennbar, dass der Mensch nicht mehr auftaucht.
Ist die Diagnose einer unheilbaren und zum Tode führenden Erkrankung bekannt, stellt sich die Frage nach einer weiteren Betreuung – doch: Wie kann eine dem Sterbenden gerecht werdende Palliativ- und Sterbebegleitung vor Ort stattfinden? Ishorst-Witte machte klar: Dazu braucht es ambulante Sterbebegleitung und die Möglichkeit einer palliativ-medizinischen Versorgung in den Wohnunterkünften. Von Seiten des Komplementärsystems wurde die Kooperationsbereitschaft bereits signalisiert, was jetzt noch fehlt sei eine aktive und gut ausgestattete Wohnungslosenhilfe!

„Sterben ist immer biografisch und einzigartig, in die Lebensverhältnisse und persönlichen Zustände eingebunden“ machte Prof. Dr. Annelie Keil von der Universität Bremen deutlich und bekräftigte die Aussagen ihrer Vorrednerin: „Die Orte, wo wir leben, müssen auch die Orte sein, wo wir sterben können (wenn wir es wollen)“ – darauf müssen Wohnungslosenhilfe, Hospize und Palliative-Versorgung reagieren.

Austausch zu konkreten Fragen:
Was ist zu tun, wenn Betroffene jede Hilfe ablehnen? Wie können Wohnungslose beim Sterben begleitet werden, Tod und Trauer in der Wohnungslosenhilfe, Lebensqualität bis zum Schluss? Sterben Wohnungslose anders – oder nicht? Wer begräbt Herrn Meyer, wenn er kein Obdach hat? Zu diesen Themen wurde in Workshops gearbeitet. Ein kollegialer Austausch zum Thema Sterben in der Einrichtung und Entwicklung eines Leitbildes, ein Spaziergang über den Ohlsdorfer Friedhof – Synonym für Sterben, Tod und Trauer und die Ausstellung "Ungeschminkt" des Diakonischen Werkes Schleswig Holstein vervollständigten das Programm.

Arbeitskreis engagiert sich für Wohnungslose
Seit Jahren arbeiten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Institutionen der Hamburger Hilfelandschaft unter dem Dach der HAG an der Schnittstelle zwischen Wohnungslosenhilfe und Gesundheitsversorgung. Mit dieser Fachtagung verfolgt der Arbeitskreis „Wohnungslosigkeit und Gesundheit“ in der Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit Hamburg das Ziel, Erkenntnisse und Erfahrungen zusammenzutragen, um an einer besseren Versorgung für kranke und sterbende wohnungslose Menschen zu arbeiten.
Mitglieder im Arbeitskreis sind: Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, Asklepios Klinik St. Georg, Caritasverband für Hamburg e. V., Diakonisches Werk Hamburg, Feuerwehr Hamburg, fördern und wohnen AöR, HAG, Hude, Kemenate Tagestreff für wohnungslose Frauen, Malteser Werke gGmbH/| Malteser Nordlicht und die Stadtmission Hamburg.

 

Hintergrundinformationen zum Arbeitskreis

Die Mitgliedsorganisationen des Arbeitskreises setzen sich seit 2004 für die Verbesserung der Lebensbedingungen, des Zugangs zum medizinischen Versorgungssystem und die Stärkung der Gesundheitsressourcen von wohnungslosen Frauen und Männern in Hamburg ein. Der Arbeitskreis dient dem regelmäßigen fachlichen Austausch, der Entwicklung von Projekten, Veröffentlichungen und Fachtagungen.
Einmal im Jahr führt der Arbeitskreis eine Fachtagung in Kooperation mit der Ärztekammer Hamburg durch.

 

Fachtagung am 18.04.2013

 
 

Ihre Ansprechpartnerin:

Petra Hofrichter
icon: telefon 040 / 2880 364 11
icon: mail Mail senden
 

Arbeitskreistreffen

Nächste Treffen des AK "Wohnungslosigkeit und Gesundheit" finden statt am 21. 01.2016 in der Koordinierungsstelle Hospiz und Palliativarbeit, Winterhuder Weg 29; 22085 Hamburg,
am 14.04. 2016 in der Asklepios Klinik St. Georg, Lohmühlenstraße 5, 20099 Hamburg, Haus A
und am 21. Juli 2016 im Stay Alive, Virchowstraße 15, jeweils von 9:30-11:30 Uhr.

 

Radiobeitrag

"Lange hab' ich sowieso nicht mehr" - wenn Obdachlose krank sind oder sterben

so der Titel der Reportage von dem Hamburger Journalisten Reiner Scholz. Er hat die Broschüre "Sterbende Menschen begleiten. Krankheit, Tod und Trauer in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe" (hrsg. vom Arbeitskreis Wohnungslosigkeit und Gesundheit) und die Tagung des Arbeitskreises am 18.04.2013 zum Anlass genommen, diesem Thema einen 30-minütigen Bericht zu widmen. In dem Beitrag wird das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet: Hamburger Akteure der Wohnungslosenhilfe (darunter auch Mitglieder des Arbeitskreises : Petra Hofrichter (HAG), Dr. Frauke Ishorst-Witte (Diakonisches Werk) und Ina Ratzlaff (Caritas) beschreiben die Situation und die Hilfeansätze, auch betroffenene Wohnungslosen schildern ihre Lebenssituation.

Die Sendung lief am 27.10.2013 um 17.05 auf ndr-info und ist nun über den link anzuhören:

www.ndr.de/info/podcast3016.html

 
 

Soziale Lage

 
Aktualisiert am: 17.06.16